Gemeinschaftlicher Ruf nach Deichbau-Turbo
vor 3 WochenSonnenschein, blauer Himmel, grünschimmernder Deich, ruhig fließendes Gewässer. Es ist die malerisch-perfekte Elb-Kulisse
für die vom Deich- und Wasserverband Vogtei Neuland (DWVN), Harburger Deichverband (HDV) und Artlenburger
Deichverband (ADV) zum Abschluss des Großprojektes „Deckwerksanierung“ im Zuge der neunten Elbvertiefung ausgerichtete
Festveranstaltung.
Doch trotz Kaiserwetter und großer Zufriedenheit über die erfolgreich beendete Maßnahme: Richtige
Feierlaune wollte beim vorgeschalteten Ortstermin mit Blick auf die wasserseitig glänzend leuchtenden Steinschüttungen am
Hauptdeich in Hoopte im Landkreis Harburg bei den Verantwortlichen der drei Deichverbände, Christoph Sander (DWVN),
Hartmut Burmester (ADV) und Karsten Riege (HDV), nicht aufkommen.
Die hochkomplizierte Gemengelage durch die unterschiedlichen
Vorstellungen diverser Akteure in der Politik, bei Behörden und Verbänden bei der Umsetzung von Baumaßnahmen
im Küsten- und Hochwasserschutz überlagerte die Freude. Trotz des dokumentiertem Ausbaubedarfs der Schutzwälle auf
den neuesten technischen Stand aufgrund verschärfter klimatischer Herausforderungen herrscht seit Jahren baulicher Stillstand.
„Wir brauchen einfach mehr Tempo, kürzere Planungsverfahren, eine insgesamt herausstechende Priorität gegenüber der
Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie und eine weiter verstärkte Fachkräftesuche in den ausführenden Behörden für die Projektleitungen“,
forderten die drei Verbandsvorsteher. Hier seien die Politik im Land, Bund und EU gefragt, endlich entsprechende
Veränderungen herbeizuführen.
„Die Natur ist unberechenbar. Sie wartet nicht und fragt, ob wir die Deiche zum Schutz der
hier lebenden Menschen schon erhöht haben“, machte Deichhauptmann Hartmut Burmester deutlich. Er verwies auf die immer
wieder gezeigte Urgewalt der Elbe – wie bei den durch Starkregen ausgelösten Hochwasser-Katastrophen (2002, 2006, 2011
und 2013) und immer häufiger auftretenden Nordsee-Sturmfluten mit immensen Belastungsproben der Deiche im Tide-Bereich.
Im Verbandsgebiet des Artlenburger Deichverbandes sorgten Anfang 2022 „Nadia“ oder „Zeynep“ für Rekordpegelstände
um 6 Meter über Normalnull zwischen Rönne und Laßrönne am Ilmenau-Sperrwerk. Nur zehn Zentimeter fehlten damals
zur Auslösung des Alarms für den Deichwachdienst.
Wie ungeheuer schwierig und komplex Deichbaumaßnahmen sind, wurde in Hoopte im Beisein von Frauke Patzke deutlich.
Die Staatssekretärin im Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz vertrat Niedersachsens Ministerpräsident
Olaf Lies, der aufgrund des Stahlgipfels in Berlin kurzfristig absagt hatte. „Nach der Deckwerksanierung müsste der
Deich nun erhöht werden“, erklärten die Verbandsvorsteher. Doch dazu würde der Schutzwall auch breiter werden.
Problem: der scharliegende Hauptdeich grenzt mangels schützendem Vorland direkt an die Elbe und auf der anderen Seite verläuft am
Bauwerk entlang die Elbuferstraße. „Trotzdem arbeiten wir an fachlich fundierten Lösungen, die dann aber auch mit Priorität
umgesetzt werden müssen.“ Staatssekretärin Frauke Patzke zollte den Deichverbänden für ihren ehrenamtlichen Einsatz ihren
höchsten Respekt. Der ganze Prozess hin zur Deckwerksanierung sei ein eindrucksvolles Lehrstück für gemeinschaftliches,
sachliches Handeln, Mut und Hartnäckigkeit. Darauf sollten die Deichverbände auch zukünftig vertrauen und dabei ihre Handlungsspielräume
ausschöpfen.
Ins gleiche Horn stießen später beim offiziellen Festakt im Dorfgemeinschafts- und Feuerwehrgerätehaus in Laßrönne in ihren
Grußworten auch die Landräte Reiner Rempe (Harburg) und Jens Böther (Lüneburg) sowie André Wiese (Bürgermeister Stadt
Winsen/Luhe) und der Lüneburger SPD-Landtagsabgeordnete Philipp Meyn. Sie lobten einhellig den herausragenden ehrenamtlichen
Einsatz der Verbände.
Das verdiene große Anerkennung. Vereint stimmten sie der Forderung nach einem „Deichbau-
Turbo“ mit veränderten, verkürzten Rahmenbedingungen bei den Genehmigungsverfahren für die Umsetzung der dringend
notwendigen Projekte zu. Dabei forderten sie die Deichverbände ebenso auf, weiter beharrlich zu bleiben – im gemeinschaftlichen
Wissen: An der Elbe herrscht nicht immer Kaiserwetter.
Hintergrund: Bund übernimmt zukünftige Kosten bei der Unterhaltung
Im Zuge der Fahrrinnenanpassung der Unter- und Außenelbe für 14,5 Meter tiefgehende Containerschiffe hatten sich der
Harburger Deichverband, der Deich- und Wasserverband Vogtei Neuland und der Artlenburger Deichverband 2009 gemeinsam
die Unterhaltung der Sicherungs- und Schutzwerke bzw. der unbefestigten Deichvorlandbereiche vertraglich mit und durch den
Bund und durch das Land Niedersachsen zusichern lassen. Laut ADV-Geschäftsführer Ansgar Dettmer hat sich der Bund mit
der Vereinbarung verpflichtet, über die gesetzliche Unterhaltung hinaus auch Pflege und Instandhaltung der Schutzwerke zu
übernehmen – unabhängig von der Schadensursache.
Festvortrag: Bauwerke sind Symbol für Vertrauen und gelebte Verantwortung
Bereits bei früheren Elbvertiefungen hatten die Deichverbände erhebliche Schäden (Erosion, Abrutschen von Deckwerken,
Sandaustrag aus dem Deichkörper) an den schardeichgelegenen Elbdeichen und Deckwerken zwischen Geesthacht und Harburg
festgestellt. „Wir befürchteten durch die neunte Elbvertiefung eine noch stärkere Gefährdung und Belastungen auf Ufer,
Deiche und Siele infolge von Wasserstands- und Strömungserhöhungen durch die erwartet immer größeren und schnelleren
Schiffe“, erklärte Ehrendeichvogt Norbert Thiemann in seinem Festvortrag.
Monatelang sei nach Lösungen für Instandsetzung der Deckwerke gesucht worden – zunächst ohne Erfolg. „Aus Verantwortung für die Sicherheit
der Menschen hinter den Deichen haben wir dann Klage eingereicht und sind zu vertraglichen Lösungen gekommen.“
Gemeinsam mit seinem Pendent beim Deich- und Wasserverband Vogtei Neuland, Roland Oelkers, leistete er die inhaltliche Vorarbeit für die Verträge.
VerbandsvorsteherOtto Sander (DWVN) war damals in enger Abstimmung mit seinen Kollegen Hermann Langerbein (HDV) und Johann
Freese (ADV) Verhandlungsführer. Zudem beauftragten die drei Deichverbände auf eigene Initiative und Kosten mit RA
Günther & Partner aus Hamburg namhafte Fachjuristen für ihre begründeten Forderungen. Die neuen Bauwerke sind laut dem
Ehrendeichvogt aber mehr als Steinschüttungen und Spundwände.
„Sie sind ein Symbol für Vertrauen, für Teamgeist, gemeinsames
Handeln, gelebte Verantwortung und für den unbedingten Willen, unsere Verbandsgebiete gegen die tobende Nordsee
bei Sturmfluten sicherer zu machen.“ Lobend hob er auch die Arbeit von Projektleiter Reinhard Martin vom Niedersächsischen
Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) in Lüneburg hervor. „Er hat seitens des Landes für
die Deichverbände zusammen mit dem Wasserstraßen-und Schifffahrtsamt Elbe das Projekt maßgeblich zum Erfolg geführt.“
Bildunterschriften:
Anlässlich des Projektabschlusses im Rahmen der neunten Elbvertiefung schaute sich Staatssekretärin Frauke Patzke (2. von
rechts) gemeinsam mit den drei amtierenden Verbandsvorstehern Christoph Sander (4. von rechts), Hartmut Burmester (6. von
rechts) und Karsten Riege (links) sowie weiteren Ehrengästen wie Ehrendeichvogt Norbert Thiemann (5. von rechts), Projektleiter
Reinhard Martin (2. von links), Anne Rickmeyer (3. von links/Leiterin des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft,
Küsten- und Naturschutz) sowie Harburgs Landrat Reiner Rempe (vorn, Mitte) die Maßnahme am Hauptdeich in
Hoopte an. Foto: 4B Medienverlag
Staatssekretärin Frauke Patzke (links) lässt sich von Projektleiter Reinhard Martin am Hauptdeich in Hoopte die Bedeutung
der Steinschüttungen im Beisein der drei amtierenden Verbandsvorstehern Christoph Sander, Hartmut Burmester und Karsten
Riege sowie Harburgs Landrat Reiner Rempe (4. von links) erläutern.
Steinschüttungen sind zum Schutz des Deichfußes unverzichtbar. Als Deckwerke werden im Wasserbau die äußeren Schutzschichten
für Böschungen von Uferbauwerken verstanden und sind in der Regel Steinschüttungen. Ihre Aufgabe besteht darin,
das Bauwerk unmittelbar an seinem wasserseitigen Deichfuß und Buhnen gegen die Wirkungen von Wellen und Strömungen
zu sichern und besonders gefährdete Teile der Böschung zu schützen.